Veranstaltungen

Steue­rung im Arz­nei­mit­tel­markt — Bes­se­re Qua­li­tät in der Versorgung?

Pro Gene­ri­ka-Talk dis­ku­tiert Qua­li­täts­pro­ble­me durch Steue­rung des Arzneimittelmarktes

Mit Fest­be­trä­gen und Arz­nei­mit­tel­ra­batt­ver­trä­gen hat der Gesetz­ge­ber Instru­men­te geschaf­fen, um die Kos­ten der Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung in der Gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung zu sen­ken. Hohe Ein­spa­run­gen haben sie ohne Fra­ge gebracht. Wel­che Aus­wir­kun­gen hat das aber auf die Qua­li­tät der Ver­sor­gung, die die Bun­des­re­gie­rung eigent­lich stär­ken will? Dar­über dis­ku­tier­ten beim  Früh­lings­fest von Pro Gene­ri­ka am 22. April 2015 Ver­tre­ter der Gene­ri­ka-/Bio­si­mi­lar­un­ter­neh­men und der Kran­ken­kas­sen mit Poli­tik und Apothekern.

Über­mä­ßi­ge Fest­be­trags­ab­sen­kung belas­tet Versicherte

Nut­zen die Kran­ken­kas­sen ins­be­son­de­re die Fest­be­trä­ge, um Zusatz­bei­trä­ge mög­lichst gering zu hal­ten? Die­ser Ein­druck könn­te ent­ste­hen, wenn man die Ent­wick­lung der Fest­be­trags­an­pas­sun­gen durch den GKV-Spit­zen­ver­band genau­er unter die Lupe nimmt. Denn mit jeder Anpas­sung nach unten spa­ren die Kas­sen Geld, da sie die Kos­ten für ein Arz­nei­mit­tel nur maxi­mal bis zum Fest­be­trag erstat­ten. Sie pro­fi­tie­ren selbst davon, wenn die Her­stel­ler ihre Prei­se nicht immer wei­ter redu­zie­ren. Denn sen­ken die Her­stel­ler ihre Prei­se wei­te­re 30 Pro­zent unter den Fest­be­trag, sind die­se Arz­nei­mit­tel von der Zuzah­lung befreit.

Micha­el Henn­rich, MdB

Mit die­ser Rege­lung woll­te die Poli­tik noch mehr Dyna­mik in die Preis­ent­wick­lung brin­gen, so der Arz­nei­mit­tel­ex­per­te der Uni­on im Deut­schen Bun­des­tag, Micha­el Henn­rich. Zunächst pro­fi­tier­ten auch die Pati­en­ten davon. In der Höchst­pha­se waren rund 13.000 Arz­nei­mit­tel von der Zuzah­lung befreit. Die­se Zahl redu­zier­te sich jedoch immer wei­ter. Anfang 2014 waren es noch 4.800, nach der letz­ten Fest­be­trags­an­pas­sungs­run­de nur noch 3.000. Grund dafür war die sehr star­ke Absen­kung eini­ger Fest­be­trä­ge durch die GKV. In deren Fol­ge war es den Her­stel­lern nicht mög­lich, ihren Preis um wei­te­re 30 % zu sen­ken, um die Zuzah­lungs­frei­heit zu erreichen.

Wolf­gang Späth, Vor­stands­vor­sit­zen­der Pro Gene­ri­ka e.V.

Der Pro Gene­ri­ka-Vor­stands­vor­sit­zen­de Wolf­gang Späth beton­te, dass die noch­ma­li­ge Absen­kung unter die Zuzah­lungs­frei­stel­lungs­gren­ze wirt­schaft­lich nicht mehr dar­stell­bar gewe­sen sei. Dafür bekam er auch Unter­stüt­zung von Micha­el Henn­rich: Der Boden bei den Gene­ri­ka­prei­sen sei offen­kun­dig erreicht wor­den, erklär­te der CDU-Parlamentarier.

Zuzah­lungs­hö­he erreicht GKV-Generikaumsatz

Johann Magnus von Sta­ckel­berg, stell­ver­tre­ten­der Vor­stands­vor­sit­zen­der des GKV-Spit­zen­ver­ban­des beton­te zwar, dass sei­ne Orga­ni­sa­ti­on bei der letz­ten Fest­be­trags­run­de die Zuzah­lung im Auge gehabt und daher 10 Grup­pen nicht so stark abge­senkt habe wie dies eigent­lich mög­lich gewe­sen wäre. Ein Recht auf Zuzah­lungs­be­frei­ung hät­ten die Ver­si­cher­ten aber aus­drück­lich nicht. Die Kran­ken­kas­sen wür­den auch wei­ter­hin alle Ratio­na­li­sie­rungs­re­ser­ven nut­zen. Und dazu gehört offen­kun­dig auch die Zuzah­lung, deren Höhe je nach Packungs­preis zwi­schen 5 und 10 Euro je ärzt­lich ver­ord­ne­tem Medi­ka­ment beträgt. In der Sum­me haben die Selbst­be­tei­li­gun­gen der Ver­si­cher­ten für Arz­nei­mit­tel inzwi­schen einen Jah­res­wert von rund 2 Mil­li­ar­den Euro erreicht und ent­spre­chen damit in etwa dem gesam­ten Net­to­um­satz der Gene­ri­ka­in­dus­trie mit den Kran­ken­kas­sen. Hier­für stel­len  die Unter­neh­men 76 Pro­zent aller in den Apo­the­ken auf Kas­sen­re­zept abge­ge­be­nen Packun­gen zur Ver­fü­gung. Wolf­gang Späth warf die Fra­ge auf, ob die­se Rela­ti­on noch im Sin­ne des Gesetz­ge­bers sein könne.

Johann-Magnus von Sta­ckel­berg, GKV-Spi­bu und Fritz Becker, DAV

Die Fol­gen tra­gen die Pati­en­ten und ihre Apotheken

Die Poli­tik wer­de auf jeden Fall an der Zuzah­lung fest­hal­ten, so Micha­el Henn­rich. Es sei ein Feh­ler der Vor­gän­ger­re­gie­rung gewe­sen, die eigent­lich akzep­tier­te Pra­xis­ge­bühr abzu­schaf­fen. Den wer­de die Koali­ti­on bei die­sem Instru­ment nicht wie­der­ho­len. Die Fol­gen tra­en die Ver­si­cher­ten und ihre Apo­the­ken, so Fritz Becker, Vor­sit­zen­der des Deut­schen Apo­the­ker­ver­ban­des. Es füh­re immer wie­der zu Ärger, wenn die Pati­en­ten plötz­lich für ein Arz­nei­mit­tel zuzah­len müss­ten, das sie lan­ge Zeit ohne Eigen­be­tei­li­gung bekom­men hät­ten. Pro­ble­me gebe es in den Apo­the­ken zudem bei Lie­fer­eng­päs­sen, wenn für das lie­fer­fä­hi­ge Prä­pa­rat anders als für das ver­ord­ne­te eine Zuzah­lung zu leis­ten sei.

Sub­sti­tu­ti­ons­aus­schluss­lis­te bleibt beim G‑BA

Über­ra­schen­de Einig­keit bestand zwi­schen Fritz Becker und Johann Magnus von Sta­ckel­berg zur Sub­sti­tu­ti­ons­aus­schluss­lis­te. Nach­dem sich Apo­the­ker und Kas­sen lan­ge dar­über gestrit­ten hat­ten, plä­dier­ten nun bei­de dafür, die­se Lis­te mög­lichst klein zu hal­ten. Der Aus­schluss eines Arz­nei­mit­tels von der Sub­sti­tu­ti­on sol­le nun wie­der ver­stärkt durch den Arzt im Rah­men des Aut-idem-Ver­bo­tes und durch den Apo­the­ker in Form von phar­ma­zeu­ti­schen Beden­ken erfol­gen. Da für alle auf der Lis­te  auf­ge­führ­ten Wirk­stof­fe ein strik­tes Aus­tausch­ver­bot besteht, hät­ten Rabatt­ver­trä­ge und Lie­fer­eng­päs­se in den Apo­the­ken bereits zu gro­ßen Pro­ble­men geführt.

Rabatt­ver­trä­ge haben Anbie­ter­viel­falt reduziert

Ob es Ände­run­gen bei den Rabatt­ver­trä­gen geben wird, ist der­zeit noch offen. Klar ist, dass sich die Zahl der Wett­be­wer­ber auch und beson­ders durch sehr frü­he Aus­schrei­bun­gen nach Patent­ab­lauf redu­ziert hat. Tra­ten zwi­schen 2006 und 2009 noch durch­schnitt­lich 26 Unter­neh­men in den Wett­be­werb ein, waren es zwi­schen 2009 und 2012 im Mit­tel nur noch 17 Gene­rikaun­ter­neh­men. Im Bereich der Rabatt­ver­trä­ge hal­ten die jewei­li­gen TOP 3‑Hersteller mitt­ler­wei­le Markt­an­tei­le von 100 Pro­zent – z. B. bei ver­sor­gungs­kri­ti­schen Wirk­stof­fen wie Antibiotika.

Den­noch kommt es immer häu­fi­ger vor, dass Kran­ken­kas­sen bereits Rabatt­ver­trä­ge zu Zeit­punk­ten aus­schrei­ben, an denen es erst einen ein­zi­gen gene­ri­schen Anbie­ter gibt. Ohne die Chan­ce, an einer Aus­schrei­bung teil­zu­neh­men, blie­ben so zahl­rei­che Her­stel­ler noch vor Markt­ein­tritt ihrer Pro­duk­te für min­des­tens zwei Jah­re von der Ver­sor­gung Ver­si­cher­ter der jewei­li­gen Kran­ken­kas­sen aus­ge­schlos­sen. Von Wett­be­werb durch Viel­falt kön­ne da kei­ne Rede sein, erklär­te Wolf­gang Späth. Johann Magnus von Sta­ckel­berg woll­te zwar kei­ne Bewer­tung zur Sinn­haf­tig­keit sol­cher Ver­trä­ge abge­ben – dies sei Zustän­dig­keit der jewei­li­gen Kas­sen – das Vor­ge­hen sei aber zwei­fels­frei legal.

Phar­ma­dia­log wird das eine oder ande­re nachjustieren

Wolf­gang Späth, Micha­el Hennrich

Wolf­gang Späth plä­dier­te für eine zwei­jäh­ri­ge Wett­be­werbs­pha­se nach Patent­ab­lauf, die die Märk­te öff­net und allen Gene­rikaun­ter­neh­men eine Chan­ce auf Teil­nah­me am Wett­be­werb ein­räumt. Zwar habe es dafür bis­lang kei­ne poli­ti­schen Mehr­hei­ten gege­ben, er sehe aber bis­lang auch kei­ne ande­ren Vor­schlä­ge zur Lösung der Pro­ble­me. Die wür­den bei den Bio­si­mi­lars noch offen­sicht­li­cher, da es hier für die Unter­neh­men wesent­lich kom­ple­xe­re Her­aus­for­de­run­gen zu meis­tern gilt und sich der Bio­si­mi­lar­wett­be­werb grund­sätz­lich vom Gene­ri­ka­markt unter­schei­de. Wür­den Bio­si­mi­lars gleich zu Beginn vom Markt aus­ge­schlos­sen, hät­ten sie kei­ne Chan­ce rasch in die Ver­sor­gung zu gelangen.

Micha­el Henn­rich woll­te zwar kei­ne Zusa­gen machen, ver­wies aber auf den aktu­ell lau­fen­den Phar­ma­dia­log, der den For­schungs- und Pro­duk­ti­ons­stand­ort Deutsch­land för­dern soll. Hier wür­de sicher das ein oder ande­re nach­jus­tiert wer­den. Dabei habe die Poli­tik auch die Fra­ge zu klä­ren, ob Rabatt­ver­trä­ge Teil der Ursa­chen für Lie­fer­eng­päs­se sind. Das unter­stütz­te Wolf­gang Späth. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren sei das Pen­del der poli­ti­schen Maß­nah­men zu stark in Rich­tung Kos­ten­dämp­fung aus­ge­schla­gen. Auf Dau­er sei mit ledig­lich 2 Mil­li­ar­den Euro kei­ne nach­hal­ti­ge Ver­sor­gung der GKV-Ver­si­cher­ten sicher zu stellen.

v.l.n.r.: Fritz Becker, Johann-Magnus von Stackelberg, Wolfgang Späth, Michael Hennrich, Bork Bretthauer